6. Europäische Pädakustik-Konferenz in München

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Unter der Schirmherrschaft der Firma Phonak trafen sich vom 17. – 18. Juni 2019 im Hilton Munich Park, direkt am Englischen Garten gelegen, 550 Teilnehmer aus den Bereich Hörakustik, Forschung und Medizin zur 6. Europäischen Pädakustik-Konferenz. Das Team von Akustiker Online! nahm an dieser Konferenz teil und hat für deren Leser einen Bericht verfasst

Die Tagung war in sieben Sessions eingeteilt, die sieben Schwerpunkte beleuchtete. Zur besseren Orientierung haben wir ein Menü angelegt, damit Sie einen besseren Überblick bekommen.

Session I: Neue Protokolle und aktuelle Vorgehensweise in der Hörgeräteversorgung
Session II: Hörgeräte-Technologie
Session III: Hörbarkeit ist noch nicht alles
Session IV: Zukünftige Entwicklungen
Session V: Die Bedeutung von „Personal Technology“
Session VI: Familien in der Vordergrund
Session VII: Cochlea Implantate und Hörgeräte

Pünktlich um 8:30 Uhr begrüssen Andrea Bohnert und Thomas Wiesner die Teilnehmer im Ballsaal des Hilton Munich Park. „Wir sind besonders stolz auf die wachsende Zahl der Teilnehmer“, so Andrea Bohnert bei ihrer Begrüssung. „Vor elf Jahren haben wir in München gestartet und hatten 300 Teilnehmer aus fünf Ländern. Nun dürfen wir dieses Jahr 550 Teilnehmer aus 18 Ländern begrüssen.“ „In den kommenden zwei Tagen möchten wir zusammen mit den Referenten einen Überblick über neue Standards, laufende und abgeschlossen Studien rund um das Thema Pädakustik schaffen“, fügt Thomas Wiesner zu.

Session I: Neue Protokolle und aktuelle Vorgehensweise in der Hörgeräteversorgung

Der erste Vortrag von Anne Marie Tharpe (US). zeigt neue Ansätze für Kinder, die eine UHL (unilateral hearing loss –> einseitiger Hörverlust) haben. Die Problematik liegt darin, dass diese Kinder trotz des Neugeborenen-Screenings nicht auffallen. „Wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, dass die Kinder bei der Untersuchung normalhörend sein können und die einseitige Hörminderung erst später Auftritt“, berichtet Tharpe in ihrem Vortrag. „Eine Studie hat gezeigt, dass bei der Geburt 1 von 1000 einen messbare einseitige Hörminderung hat, bei der Einschulung ist es schon jeder 6 von 100 und bei den 14-jährigen sind es 14 von 100.“ Die Kombinationsgabe der Kinder ermöglicht ihnen Lokalisation, Sprachverstehen in Ruhe und auch im Störgeräusch. Mittels einer eigens entwickelten Untersuchungsmethoden mit dem Namen LUHU (Limited Usable Hearing Unilateraly) kann man feststellen, in wie weit die Kinder eine einseitige Hörgeräteversorgung benötigt. „Wenn Sie merken, dass ein Kind einen sehr hohen Preis für die Sprachverständlichkeit aufbringt oder nach der Schule ermüdet nach Hause kommt, sollte man sich das Kind audiometrisch genau anschauen und ggf. einen Störgeräuschmessung mittels passenden Hörtestverfahren durchführen“, erläutert Tharpe abschliessend.

Der zweite Vortrag dieser Session wird von Erin Picou (US) gehalten. Unter dem Titel „Potentielle Vorteile von CROS-Systemen im Klassenzimmer“ zeigt Sie die Möglichkeiten auf, mit welcher Hörlösung ein Kind mit einem einseitigen Hörverlust versorgt werden kann. „Ich kann Ihnen hier und heute keine 100%ige Lösung anbieten. Auch hier müssen wir uns eingestehen, dass auch einseitige Hörminderungen bei Kindern sehr individuell betrachtet werden müssen“, so Pico zu Beginn ihre Vortrages. Da die Studien zu einseitigen Hörverlusten zu alt und Laborversuche zu statisch sind, wurden die Studienergebnisse in der realen Welt durchgeführt. Grundsätzlich kann man feststellen, dass Remote-Mikrofon-Systeme (RMS) bei einseitigen Hörminderungen an erster Stelle stehen sollte. Eine reine CROS-Version hat Vor- und Nachteile, abhängig von der Sitzposition des Kindes. Abschliessend stellt Frau Pico fest: „Die beste Situation haben wir in unseren Versuchen erreicht, wenn zusätzlich zum CROS-System ein RMS vorhanden ist, aber definitiv nur ein Mikrofon genutzt wird.“

CROS

Als dritter Vortragender der ersten Session tritt Thomas Wiesner (DE) ans Rednerpult. Das Thema seines Vortrages lautet: „UHL-Fallbeispiele: Anforderungen bei der Überprüfung des Hörgewinns“. „Um eine einseitige Hörminderung effektiv feststellen zu können, ist die Vertäubung ein unausweichliches Thema“, begrüsst Dr. Wiesner das Auditorium. Anhand von zwei Beispielen versucht er einen Einblick in sein tägliche Arbeit zu geben. Das Kind aus dem ersten Fallbeispiel hat eine einseitige Schallleitungshörstörung. Die Frage die sich bei der Erarbeitung der Hörgeräteversorgung ergibt ist, wann ist der richtige Zeitpunkt einen Versorgung zu beginnen. Wiesner: „Bei Schallleitungsschwerhörigkeiten müssen KL-BERA-Messungen mit einem harmonischen Reiz z.B. einem Chirp durchgeführt werden.“ Das zweite Fallbeispiel zeigt ein sechs Monate altes Kind, welches eine starke Asymmetrie aufzeigt. Als Versorgungsempfehlung wird seitens von Dr. Wiesner eine frühzeitige Versorgung mit Hörgeräten oder Cochlea-Implantaten empfohlen. Die Eltern haben sich dagegen entschieden. Im Alter von sechs einhalb Jahren werden die Eltern wieder vorstellig und das Kind trägt auf der schwerhörigen Seite ein Hörgerät. Diverse Messungen zeigen, dass das Kind keinerlei Sprachverstehen hat, obwohl die Eltern immer der Meinung sind, dass ihr Kind hört. „Ich kann Ihnen nur die Empfehlung aussprechen die Eltern effektiv zu beraten. Kontrollieren Sie auch das gut hörende Ohr aus seine Funktionalität. Basierend auf unseren Erfahrungen von einseitigen Hörminderungen haben wir ein Konsenspapier entwickelt. Es soll Ihnen helfen bei UHL effektiver zu werden“, so Dr. Wiesner abschliessend. 

Nach diesem Vortrag gibt es die erste Kaffeepause, die im Foyer der Seminarräumlichkeiten abgehalten wird.

Session II: Hörgeräte-Technologie

Die zweite Session beginnt mit einem Vortrag von Monika Baumann (DE), die sich mit dem  Thema „Neuerungen in der Verifikation von Hörgeräten bei Kindern“ beschäftigt. Der Normalfall der Hörgeräteanpassung bei Kindern ist die Anpassung per INSITU. Ist dieses nicht der Fall, kann man mittels einer RECD-Messung die akustischen Kenndaten des kindlichen Ohres mit dem Messkuppler abgleichen. „In der neuen ANSI Norm wird die neue Methode unter zu Hilfenahme des HA-1 Kuppler nähert betrachtet. Der HA-1 Kuppler ist der bekannte IdO-Kuppler und ist dem Restvolumen des Kindes ähnlicher“, so Frau Baumann während ihres Vortrages. Versuche haben gezeigt, dass die Audiometrie mittels Einsteckhörer für die Berechnung der Zielkurven bei Kindern effektivere Anpassungen bringen.
Im zweiten Teil ihres Vortrages berichtet Frau Baumann über die effektive Nutzbarkeit von Frequenzverschiebungsalgorithmen in der Kinderanpassung. „Dieser  Algorithmus ist in der Kinderanpassung unausweichlich, wenn er richtig eingestellt wird. Unter zu Hilfenahme von der Messtechnik kann dieser Algorithmus für das Kind richtig einstellt werden“, so Baumann. „Die Wirkungsweise dieses Algorithmus kann mit dem Phonak Phonem Test kontrolliert werden. Ein Kind soll seine Hörbarkeit durch Messungen erhalten und nicht durchs Wachstum verlieren“.

Monika Baumann

Im zweiten Vortrag „Störgeräusch-Technologien: Was brauchen Kinder und was wünschen sie?“ dieser Session zeigt Sara Neumann (US) ihre Ergebnisse bei der Verwendung von Störgeräuschtechnologien bei Kindern unter Berücksichtigung unterschiedlicher Mikrofoncharakteristiken und die Zuhilfenahme von Roger-Systemen. „Ein Kind möchte genauso wie ein Erwachsener ohne große Anstrengung in der jeder Situation hören“, so Neumann zu Beginn ihres Vortrages. Sollte es zu einer Gesprächssituation kommen, die dazu führt, dass der Lehrer hinter dem Kind steht, soll sich das Kind bemerkbar machen und den Lehrer bitten, dass er sich wieder nach vorne stellt. Damit ein Kind (ohne Roger-Systeme) besser Schallquellen lokalisieren kann, sollte die Mikrofoncharakteristik immer auf Real-Ear-Sound gestellt werden. Omnidirektionale Mikrofone sind für die Lokalisation nicht immer die Beste. Die Mikrofoncharakteristik UltraZoom in Kombination mit einer Störgeräuschunterdrückung war von den Testkindern das bevorzugte Programm. „Unsere Empfehlung an die Hörakustiker lautet, die Störgeräuschunterdrückung bereits frühzeitig zu aktivieren (ab dem 18-24 Lebensmonat). Die Richtmikrofone sollten nur unter Rücksprache mit den Eltern aktiviert werden, da sich auch die Eltern den Kindern zuwenden müssen, damit Sprache verstanden wird“, so Neumann zum Abschluss ihres Vortrages. 

Sara Neumann

Im letzten Vortrag vor der Mittagspause zeigt Tobias Moser (DE) in seinem Vortrag „Zukunftsperspektive optisches Cochlea-Implantat: Optogenetische Stimulation der Hörbahn“ einen Einblick ist seine Forschung und die Zukunft des Hörens mit einem Cochlea-Implantat. Das elektrische Cochlea-Implantat ist in seiner Übertragung sehr breitbannig und hat eine schlechte Auflösung. „Das optische Cochlear-Implantat hat eine weitaus bessere Übertragung, da sich auf gleicher Länge des Implantats keine Elektroden befinden sondern viele kleine LED“, so Prof. Moser in seinem Vortrag. „Wir haben in Tierversuchen nachgewiesen, dass wir optisch eine Frequenzauflösung ermöglichen können“. Damit diese optogenetische Stimulation erfolgen kann, muss man dem Innenohr einer Gentherapie unterziehen. Die Haarsinneszellen müssen mit sogenannten Lichtschaltern ausgestattet werden, damit sie Licht aufnehmen können. Mit einem kurzem Video eines optischen Cochlea-Implantates zeigt Prof. Moser die Ergebnisse seiner Arbeit und entließ das Auditorium in die Mittagspause.

Prof. Tobias Moser

Session III: Hörbarkeit ist noch nicht alles

Gut gestärkt begrüsste Andreas Nickisch (DE) die Zuhörer zu seinem Vortrag mit dem Titel „AVWS be Grundschulkindern – häufig eine Fehldiagnose“. Für die Diagnostik von einer Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS) ist eine Differentialdiagostik von großer Bedeutung. In einigen Fällen können sogenannte Alpha-Fehler (produzierte Fehler) zu einer falschen Diagnose führen. „Kinder die unter einer AVWS leiden zeigen meistens ein normales Tonaudiogramm, aber zentrale Hörprozesse können gestört sein“, so Nickisch in seinem Vortrag. „Zu den zentralen Hörprozessen können u.a. binaurale Interaktionen, Lokalisationen und dichotische Prozesse sein“. Eine Störung in der Sprache ist kein Zeichen für eine AVWS. Die Kinder sollten mindestens 7 Jahre alt sein. Die Sprachkompetenz steht hierbei im Mittelpunkt. Mittels Satztesten kann der Audiologe die Leistungstiefpunkte des Schulkindes feststellen. Abschliessend stellt Nickisch fest: „AVWS kann man diagnostizieren.“

Im zweiten Vortrag der dritten Session mit dem Thema „Komplexe Hörsituationen bei Kindern mit Hörverlust: Hören, Sprache und kognitive Fähigkeiten“ berichtet Elizabeth Walker (US) über ihre Erfahrungen mit der neuen Generation von schwerhörigen Kindern. Die Klassensituationen hat sich in den letzten gewandelt. Vom frontalen Unterricht wird immer mehr wieder in Gruppen gearbeitet. „Die Akustik des Raumes und die Sitzposition des hörbeeinträchtigten Kindes spielt beim Sprachverstehen eine sehr große Rolle“, so Walker in ihrem Vortrag. Kinder brauchen in der Unterrichtssituation eine guten Zugang zur Sprache. Wenn die Möglichkeit besteht eine hohe Vorhersagbarkeit des gesprochenen Satzes zu erreichen, dann tut man dem Kind einen sehr großen Gefallen. „Das Alter des Kindes ist beim Hören eher ein untergeordneter Punkt“, so Walker zum Abschluss ihres Vortrages.

Im letzten Vortrag dieser vierten Session tritt der Australier Michael Harrison an das Rednerpult, um seinen Vortrag „Multimedia-Geräte und Apps für taube und schwerhörige Kinder und Jugendliche: Übersicht und Empfehlungen“ seine eigenen Erfahrungen zu teilen. Der selber hochgradig Schwerhörige Harrison arbeitet u.a. für Apple und setzt sich sehr stark für Barrierefreiheit ein. „Viele Hörbeeinträchtigte wissen nicht, dass es z.B. Apps gibt, die z.B. automatisch einen Untertitel zeitnah generiert“, so Harrison. Hörbeeinträchtigte Schüler sollen diese Möglichkeiten nutzen. „Barrierefreiheit heisst nicht behindertengerecht, sondern lösungsorientiert arbeiten“, referiert Harrison.

Michael Harrison

Session IV: Zukünftige Entwicklungen

Im ersten Vortrag der letzten Session des ersten Tages tritt Michael Boretzki (CH) vor das Auditorium. In seinem Vortrag „Wie E-Technologien für Fortschritte im besseren Hören eingesetzt werden können“ zeigt er die Vorteile der modernen, digitalen Anbindung zwischen Hörakustiker und Hörgeräteträger auf. „Unsere hörbeeinträchtigten Kinder haben alle ein smartphone und wir sollten dieses mit in die Anpassung einbinden“, so Boretzki.  Mittels der E-Technologie haben alle Audiologen die Möglichkeit in schweren Hörsituationen eine Lösung herbeizuführen. Diese Zusammenarbeit kann synchron oder asynchron erfolgen. „Zur Zeit arbeiten wir an einem sogenannten Collobrative Fitting. Es handelt sich um einen Prototyp, der basierend auf der Anpassungsoftware automatische Änderungen vornehmen soll“, so Boretzki abschließend.

Michael Boretzki

Der letzte Vortrag des ersten Tages beschäftigt sich mit dem Thema „Teleaudiologie und Teenager: Ein neuer Ansatz für ein altes Problem“ berichtet Gwen Carr (GB) über seine Erfahrungen mit der Möglichkeit der Teleaudiologie. Mittels der Teleaudiologie können wir auf Distanz helfen. Der Kunde hat die Möglichkeit auf einen Art von Dienstleistung in Anspruch zu nehmen. „In unserer Arbeit haben wir es mittels der Teleaudiologie geschafft dass Teenager ihre Hörsysteme wieder getragen haben“, so Carr. „Einen Nachteil hat dieses Art der Anpassung auch. Die Eltern haben sich auf einmal ausgeschlossen gefühlt.“ Zusammenfassend kann aber festgestellt werden, dass diese Art der Anpassung dem Kunden helfen kann, wenn dieses richtig eingesetzt wird. 

Session V: Die Bedeutung von „Personal Technology“

Der zweite Tag startet mit dem Vortrag von Carlos Benitez-Barrera (US) mit dem Thema „Einsatz von Roger-Technologien bei Kindern mit Hörverlust im häuslichen Umfeld“. Das Roger-System hat in einigen Schulen schon Einzug gefunden und zeigt dort seine effektive Wirkung in der Schaffung von einem positiven SNR, damit das hörbeeinträchtigte Kind besser Sprache verstehen kann. „Wir haben in Versuchen getestet, wie sich das Roger-System im häuslichen Umfeld bewährt“, so Benitez-Barrera zu Beginn seines Vortrages. Aus den bekannten ANSI-Normen wissen wir, dass zum effektiven Erlernen von Sprache der Hörbeeinträchtigte einen positiven SNR benötigt. 60% der zeit verbringt das Kind zu Hause und sollte dort auch en Roger-System tragen. Benitez-Barrera erklärt in seinem Vortrag: „Wir haben in unseren Versuchen herausgefunden, dass das Kind mit Roger-Systemen und gut eingestellten Hörsystemen 5300 Wörter pro Tag mehr und qualitativ besser hört. Das spiegelt ungefähr 42% der täglichen Sprache wieder.“ Einen Nachteil hat das System im häuslichen Alltag. Durch das System hört das Kind die Sprache die entfernt gesprochen wird, sehr nah am Ohr. Daraus folgt, dass die Entfernung erlernt werden muss. 

Carlos Benitez-Barrera

Der Vortrag mit dem Thema „Individuelle Verifikation und Evaluation von drahtlosen akustischen Übertragungsanlagen hält Henrik Hustedt (DE). Damit ein RMS für seinen Träger effektiv arbeitet, muss die Anlage genauso wie die Hörgeräte, die das Signal schlussendlich übertragen, regelmäßig kontrolliert werden. „Die Frage, die wir uns in diesem Zusammenhang stellen müssen ist, was bedeutet richtig eingestellt. Nicht zu laut und nicht zu leise“, so Hustedt. Empfohlen wird laut Leitlinie ein 10 dB FM Vorteil. Dieser Vorteil ist aber nicht mit 10 dB SL zu vergleichen. „Für das Einstellen dieser 10 dB  ist es sinnvoll die Messbox zur Hilfe zu nehmen“, so Hustedt weiter, „Zur Evaluation haben wir in der Leitlinie die 3 Lautsprecher-Variante niedergeschrieben, wo aus den Lautsprechern die auf 0 und 180 Grad liegen das Störgeräusch abgegeben wird und auf 90 Grad der Nutzschall.“ 

Henrik Hustedt

Kristin Tiede (DE) von der Johannes-Vater-Schule referiert in ihrem Vortrag mit dem Thema „Wahl und Einsatz eines FM-Systemes/Soundfield/Passarround in Kindergarten und Schule – pädagogische Ansätze“, über die sinnvollen Einsatzbereiche der einzelnen Systeme im schulischen Alltag. „Hörbeeinträchtigte Schüler müssen barrierefrei Lernen können. Sie sollen 100% ihrer kognitiven Leistung für das Lernen nutzen und nicht, um die vorhandenen Störgeräusche ausblenden zu müssen“, so Tiede zu Beginn ihres Vortrages. Die Nutzbarkeit der Remote-Systeme sollte mit dem OLKISA im Störlärm überprüft werden, damit alle Parameter besser eingestellt werden können. Die Empfehlung, die Frau Tiede mit ihrem Team in Ihren Versuchen herausgefunden hat ist, dass in Vorschulstufen ein Zusatzmikrofon zusätzlich zu einem Soundfield guten Einsatz finden. „Wenn wir dann in höhere Schulstufen gehen, sollten pro Gruppentisch ein Zusatzmikrofon und pro Gruppenreihe ein bis drei Zusatzmikrofone eingesetzt werden. „Das Problem vor dem alle Lehrer und Klassen stehen ist die Funktionalität der Systeme zu gewährleisten, was das Laden, das Einsammeln und das Tragen angeht“, so Tiede zum Abschluss ihrer Vortrages.

Kristin Tiede

An Fallbeispielen aus seinem täglichen Leben referierte Hörakustik-Meister und Pädakustiker Holger Mahlke (DE) die Einsatzbereiche von Roger-Systemen in Schulen, die er betreut. „Der Einsatz eines Soundflields und einem Roger-System an den Hörsystemen ermöglicht dem hörbeeinträchtigten Schüler ein besseres Sprachverstehen und somit einen riesengroßen Vorteil“, so Holger Mahlke. Das hörbeeinträchtigte Kind wird immer mehr in den Klassenverband integriert. Versuche haben gezeigt, dass die Sprachkultur in den Klassen mit einem Roger-System deutlich besser wird, da die Kinder dem hörbeeinträchtigten Mitschüler ermöglichen wollen, Sprache wirklich zu verstehen. 

Holger Mahlke

Session VI: Familien in den Vordergrund

In der vorletzten Session der 6. Pädakustik Konferenz liegen die Schwerpunkte in Bezug auf die Familien. Keiran Joseph (GB) berichtet in seinem Vortrag über die Einbindung der Eltern in die Versorgung ihres Kindes. In Zusammenarbeit mit seinem Team hat er einen Fragebogen erstellt, in dem Fragen von betroffenen Eltern und Kindern aufgenommen worden sind, die vor, während und nach der Anpassung entstanden sind. „Begonnen haben wir mit knapp 30 Fragen, die in der Endfassung im QLP-Bogen (Question Prompt List) auf 47 angewachsen sind“, so Joseph. Leider gibt es den Bogen noch nicht in deutscher Sprache, es wird aber fieberhaft daran gearbeitet, das auch in den deutschsprachigen europäischen Ländern, das Hilfsmittel genutzt werden kann. Im Anschluss wurde an einem Round Table über die derzeitige Situation in Deutschland diskutiert.

Keiran Joseph

Der zweite Vortrag mit dem Thema „Ein Schulkonzept im Wandel zwischen Gebärden und Inklusiion“, berichtet Johannes Eitner über das von ihm in Hamburg umgesetzte Schulsystem der Elbschule. „Wir haben in Hamburg ein Schulsystem geschaffen, in dem die Gebärdensprache zum Unterrichtsstoff zählt“, so Eitner. Im Jahr 2000 hat das Team rund um Johannes Eitner den Entwurf dem Hamburger Senat vorgestellt und im Jahr 2015 endlich grünes Licht für das Projekt gegeben. Alle normalhörenden Schüler müssen Gebärden lernen, sowie sie hörbeeinträchtigten die Lautsprache. Inklusiion der Neuzeit. Die Klassen, die im Jahr 2015 gestartet sind, haben 14 Schüler. Sieben sind hörbeeinträchtigt und sieben sind normalhörend. Es steigen die Wünsche zum Besuch dieser Schule, so dass das Team um Johannes Eitner aus 40 Bewerbungen für jedes Schuljahr die passenden Schüler rausfiltern müssen. „Wenn die Anmeldungen weiter so rasant steigen, dann haben wir im Jahr 2021 alle Schulstufen von Klasse 1 bis Klasse 10 vollständig besetzt“, so Eitner stolz am Ende seines Vortrages. 

Im letzten Vortrag dieser Session gibt Oliver Rien (DE) selber hochgradig schwerhörig mit dem Thema seines Vortrages „Empowerment. Stärkung von schwerhörigen Kindern und Jugendlichen, als Voraussetzung für einen erfolgreichen Lebensweg“ einen Einblick in seine Arbeit. Die Gesellschaft muss ihre Sichtweise gegenüber Hörsystemen und Cochlear-Implantaten ändern. „Das Umfeld eines Schwerhörigen glaubt, dass ein Hörsystem alle Situationen abdecken kann. Auch ein gut eingestelltes Hörsystem oder CI kann dazu führen, dass der Hörbeeinträchtigte in Hörstress gerät“, so Rien. Damit das ganze System Hören und Verstehen mit einer Hörlösung funktioniert, muss nicht der Erfolg, sondern der Versuch belohnt werden. Wird dieses nicht gemacht, entsteht auch hier wieder Hörstress. „Wenn sich das persönliche Umfeld auf den Hörbeeinträchtigten einlässt, dass ist der Erfolg ohne Hörstress zu hören viel größer“, berichtet Oliver Rien zum Schluss seines Vortrages.

Oliver Rien

Session VII: Cochlea Implantate und Hörgeräte

Die letzte Session eröffnet Ad Snik (NL) mit dem Thema „Indikation und Verifikation von Hörimplantaten bei Schallleitungsschwerhörigkeiten und kombiniertem Hörverlust“. Er hat sich in den letzten Jahren mit der Leistungskenndaten von den KL-Implantaten näher beschäftigt. Bei dieser Art von Hörlösungen muss ein genauer Blick auf den maximalen Schallausgangspegel gelegt werden. Ad Snik in seinem Vortrag: „Wir habe bei unseren Untersuchten festgestellt, dass auch bei dieser Art der Hörlösung die stärkere Version aufgrund der Leistungsdaten für die Kinder besser sind“. Bessere Verstärkungswerte und MPO-Werte wären hier wünschenswert. Der Audiologe sollte in den Auswahlprozess vor einer etwaigen Implantation mit einbezogen werden.

Ad Snik

Andreas Büchner (DE) berichtet in seinem Vortrag mit dem Thema „Bimodales Hören: Technologische Fortschritte und Kundennutzen“, über die Einstellmöglichkeiten dieser besonderen Art der Hörgeräteversorgung in Verbindung mit einem CI. Zu Beginn seines Vortrages zeigt Andreas Büchner die Indikationszahlen für eine Implantation eines CI´s. Im Jahr 1995 musste das Sprachverstehen der Einsilber 0% liegen um ein CI zu bekommen, im Jahr 2017 lag das maximale Sprachverstehen 60%. „In den letzten Jahrzehnten hat man mehr und mehr gesehen, dass ein passables Sprachverstehen für eine Implantation besser ist“, so Büchner. Die biomodale Anpassung im Jahr 2010 noch 20% der Betroffenen stehen im Jahr 2017 75% gegenüber. „Damit der bimodal versorgte Betroffene das Maximum aus seiner Versorgung sollte auf der Hörgeräteseite bis 1000 Hz eine optimale Versorgung durchgeführt werden, wobei der Hochtonbereich nicht verstärkt werden muss“, so Büchner zum Abschluss seines Berichtes. 

Andreas Büchner

Im letzten Vortrag des Pädakustik-Kongresses trit Anke Lesinkski-Schiedat ans Rednerpult. Sie hält den Vortrag mit dem Thema „Herausforderungen und Ergebnisse der kindlichen CI-Therapie – nach nur 30 Jahren Erfahrung“. Die Untersuchungsmethoden vor einer CI-Implantation sind gut, aber die Diagnostik muss sich noch weiter verbessern. „Wir arbeiten mit dem erfolgreichsten Implantat der medizinischen Geschichte“, so Lesinski-Schiedat, „die Diagnostik, wie lang ist z.B. die Cochlea und somit die Frage nach dem passenden Implantat muss noch besser werden“. Um diese Diagnostik durchzuführen benötigen die Chirurgen bessere Aufnahmen des Bereichs. Sollte das betroffene Kind ein bilaterale Versorgung bekommen, sollte die zweite Implantation zeitnah nach der ersten erfolgen. „Das Cochlea-Implantat der Zukunft könnte so aussehen, dass wir z.B. die Roger  Technologie ins Implantat zu integrieren oder einen nach aussen laufenden Kanal zu integrieren, um Medikamente oder Stammzellen in die Cochlea zu injizieren“, so Lesinksi-Schiedat in ihrem Vortrag.

Anke Lesinski-Schiedat