Tagungsbericht zum VHÖ Frühjahrsseminar 2020

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Ing. Thomas Aigner und Fritz Zajicek begrüßten die zahlreichen Teilnehmer beim VHÖ Frühjahrsseminar 2020 in Salzburg in Hinblick auf das Tagungsthema „Neue Techniken und Technologie in die 20er Jahren“.

Data Logging – Wie zuverlässig funktioniert die Datenaufzeichnung
Prof. Dr. Steffen Kreikemeier, Hochschule Aalen

Mit Data Logging lassen sich Aspekte wie die Tragedauer eines Hörsystems, die akustischen Umgebungen des Trägers, mögliche Änderungen und die manuelle Verwendung unterschiedlicher Programme nachweisen. Kreikemeier berichtete über eine Studie der Hochschule Aalen, in der untersucht wurde wie genau die akustischen Umgebungen des Hörgeräteträgers abgebildet werden könnten. In diesem Zusammenhang wurde auch die Grenzen der Datenaufzeichnungen getestet. Zudem wurde der Einfluß der binauralen Synchronisation auf die Aufzeichnung evaluiert.

Prof. Dr. Steffen Kreikemeier

In der Studie wurden für die Standardsituationen Messungen in Zeitspannen von drei und acht Stunden mit Audiodateien in einem entkoppelten Raum durchgeführt. Aufgezeichnet wurden die Sprache in Ruhe, die Sprache unter einem Störgeräusch und bei Musik. Des Weiteren wurden zwei Stunden Messungen in komplexen „Bar-Situationen“ in einer Art Restaurantsituation durchgeführt.

Tatsächlich wurde das Data Logging bei unterschiedlichen Herstellern different realisiert. So wurde bei allen Herstellern bei den einzelnen Hörsituation bis zu 25% zu viel oder zu wenig getrackt. Musik wurde ohne binauraler Synchronisation vom Data Logging gar nicht erkannt.

Unabhängig des Herstellers wird die Tragedauer sehr zuverlässig aufgezeichnet. Eine längere Messdauer macht die Aufzeichnung offensichtlich nicht genauer. Die Genauigkeit der Aufzeichnung hängt auch von der binauralen Synchronisation und der Komplexität der Hörsituation ab. Zusammenfassend sollte das Data Logging nicht ohne einem Abgleich mit den Kundenaussagen für die Feinanpassung genutzt werden.

Vom Hören zum Verstehen: Wie Ohren uns geistig fit halten
Thomas Sünder

Thomas Sünder, Buchautor von „Ganz Ohr“, gab in seinem Vortrag einen kurzweiligen Einblick in die Entwicklung des Hörens und der Akustik seit dem Urknall. So waren bei den ersten Lebewesen evolutionär die Haarzellen zuerst für den Gleichgewichtssinn und erst viel später für das Hören zuständig.

Thomas Sünder

Sünder berichtete von einer Studie, in der nachgewiesen wurde, dass die Herstellung und Nutzung eines Faustkeils eine ähnlich hohe Hirnaktivität wie jene beim Sprechen aufweist. Bereits in frühen „Sprachzeiten“ war Musik ein laufender Begleiter. So waren Wiegenlieder zur Beruhigung von Säuglingen notwendig um durch deren Weinen oder Schreien keine „Freßfeinde“ anzulocken. Interessant auch der Zusammenhang zwischen Höranstrengung und Pupillenspiel. So weiten sich bei einer Vergrößerung der Höranstrengung die Pupillen der Augen.

In weiteren Verlauf analysierte Sünder die unterschiedlichen Geräuschumgebungen um das Jahr 1800 im Vergleich zu heute. Laut der Barmer Krankenkasse wurden mittlerweile mehr Hörgeräteverordnungen für Teenager als für die Gruppe der 21-35jährigen ausgestellt. Der Referent vermutete die aktuelle „Kopfhörerkultur“ der Kinder und Jugendlichen als eine der wesentlichen Ursachen dieser Entwicklung.

Selektiv hören, Klänge organisieren – wie Hörsysteme das Gehirn bei der Zuordnung von Klängen unterstützen können
Horst Warnke, Oticon GmbH

Mit der selektiven Aufmerksamkeit können Klänge organisiert und periodisiert werden. Sie ist entscheidend für die soziale Interaktion. So kann man sich zugleich auf eine Person konzentrieren und zugleich die Umgebung wahrnehmen. Unwichtige Geräusche werden herausgefiltert und die Aufmerksamkeit kann nach Belieben umfokussieren. Bei Hördefiziten können jedoch lebhafte Situationen rasch wie Klangbrei klingen. Wörter werden in Folge zwar gehört, aber nicht mehr verstanden. Die Folge ist eine Isolation der Person. 

Horst Warnke

Eine schlechte selektive Aufmerksamkeit führt in weitere Folge zu einem reduzierten Sprachverstehen und damit zu einer größeren Höranstrengung und einer schlechteren Merkfähigkeit. Basierend darauf folgt ein hohes Risiko für einen sozialen Rückzug und einer Depression.

Warnke berichtete über eine neue Technologie – dem OpenSound Navigator. Durch ein neues EEG-Testverfahren konnten Hörforscher die selektive Aufmerksamkeit im Gehirn messen, während die Probanden ein Hörsystem trugen. Während dem Test wurden Elektroden am Kopf der 22 erfahrenen Hörsysteme-Nutzer platziert. Diese maßen die Gehirnaktivität als Reaktion auf Sprache und Lärm. Der Aufbau des Tests simulierte eine reale Unterhaltung in einer lärmigen Umgebung. Die Testperson sollte sich auf einen Sprecher konzentrieren, des Weiteren einen zweiten Sprecher und zudem Störsprecher im Hintergrund ignorieren. Der OpenSound Navigator wurde testweise ein- und zum Teil ausgeschalten.

„Ohne dem OpenSound Navigator wurde der Sprecher im Gehirn klar repräsentiert. Der zweite Sprecher und die Störsprecher im Hintergrund wurden jedoch gleichwertig repräsentiert. Mit dem OpenSound Navigator war der Sprecher im Fokus viel deutlicher hervorgehoben“, so Warnke. Dadurch sollen die Klänge im Gehirn „besser organisiert“ sein.

Otoplastiken – Möglichkeiten und Grenzen des digitalen FERTIGUNG
Peter Salat, GN Hearing Austria GmbH

Die Vorteile der digitalen Fertigung offenbaren sich in Effizienz, der Möglichkeit von Remakes, der Realisierung akustischer Effekte, der individuellen Formgebung und dem Modellieren im eigenen Hörakustik-Betrieb. Die Nachteile liegen in einem durchaus neu zu investierendem Know-How, dem richtigen Einschätzen der Größenverhältnisse am Monitor und notwendigen weiteren handwerklichen Schritten, wie etwa in der Nachbearbeitung der gesprinteten Otoplastiken.

Peter Salat

Im Weiteren demonstrierte Salat die Secret Ear Software und gab einen Einblick in die mannigfaltigen Möglichkeiten des digitalen Modellierens.

Bedeutung von künstlicher Intelligenz im heutigen und künftigen Hör-Alltag
Klemens Zimmermann, GN Hearing Austria GmbH

Künstliche Intelligenz ist bereits heute ein integraler Bestandteil unseres täglichen Lebens. In der Hörakustik benötigt künstliche Intelligenz jedoch vor allem Rechenleistung. Moderne Hörsysteme haben bereits die 25fache Rechenleistung, welche die NASA in den 60er Jahren für die Mondlandung zur Verfügung hatte. Für künstliche Intelligenz im Hör-Alltag ist dies aber längst noch nicht ausreichend.

Klemens Zimmermann

Seit dem Jahr 2008 ist künstliche Intelligenz mit einem begrenzten Gedächtnis in die  Hörakustik eingezogen. Dies wurde mit einer lernfähigen Lautstärkeanpassung in sieben Grundsituationen realisiert. Die Umsetzung erfolgte mit Hilfe einem genau definiertem Reaktionsmuster und war durch die Nutzereingaben lernfähig. In den letzten Jahren hielt die künstliche Intelligenz, mit Hilfe von App Anwendungen – welche deren Rechenleistung zur Verfügung stellen – unter Zugriff auf globale Daten und der Akkumulation und Auswertung der Nutzerdaten, Einzug. Sprachassistenten verfolgen Programm- und Lautstärkenänderungen, die Standorte des Nutzers, Kalenderereignisse, die Uhrzeit und die Art der Fortbewegung des Hörsystemträgers. In Zukunft wäre es zum Beispiel auch möglich, dass Hörsysteme Daten von unterschiedlichen Nutzern sammeln, in einer globalen Cloud zusammenführen und daraus – etwa für Präferenzmuster – lernen.

AEA, Europäische Hygiene-Richtlinien für Hörakustiker
Ing. Thomas Aigner, Fritz Zajicek, VHÖ

„Wie in vielen anderen Berufen sind auch in der Hörakustik Hygiene-Richtlinien notwendig“, mahnte Fritz Zajicek. Die „Europäische Hygienerichtlinien für Hörgeräteakustiker“ basieren auf den VBA-Richtlinien „Richtlijnen hygiëne en infectiepreventie in de audiologische praktijk“, die von Melina Willems in Zusammenarbeit mit dem flämischen Berufsverband der Audiologen entwickelt wurde. Sie AEA hat diese Richtlinien am 21. März 2019 übergenommen.

Fritz Zajicek

Die Schwerpunkte der Richtlinien umfassen die allgemeine Handhygiene, die Verwendung von Einweghandschuhen, Verfahren für die Desinfektion von Oberflächen, Umgang mit Ohrabformungen, Hygieneverfahren im Umgang mit Hörsystemen und Otoplastiken, Hygieneprotokolle für die Durchführung von In Situ-Messungen und mehr.

Diese Richtlinien sind prinzipiell unverbindlich, solange sie nicht von einer bestimmten Stelle eingefordert werden. Die Umsetzung ist jedoch hinsichtlich des Selbstschutzes und zum Schutz anderer Personen empfehlenswert. Sie stellen eine gute Basis für Hygieneanweisungen im eigenen Betrieb und zur Formulierung eines Qualitätsmanagementsystems. Die Leitlinien sind auf der Webseite der AEA in englischer Sprache kostenlos downloadbar. Eine deutsche Übersetzung ist seitens der VHÖ geplant. Zum Abschluss der Tagung vermittelte Fritz Zajicek einen Überblick über die aktuelle Lage der Corona-Virus-Infektionen.

Infos zu kommenden Veranstaltungen der VHÖ finden Sie direkt auf der Homepage vom Verband der Hörakustiker Österreichs: www.vhoe.at

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