VHÖ Herbstseminar - Bericht

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Am 8. November 2014 lud der VHÖ, der Verband der Hörakustiker Österreichs, zum traditionellen Herbstseminar in das Hotel IBIS am Mariahilfer Gürtel in Wien. Der Präsident des VHÖ, Ing. Peter Edelhauser, freute sich in seiner kurzen Begrüßung über das rege Interesse der Kollegenschaft, die den Seminarraum bis auf den letzten Platz füllte.

Möglichkeiten der Anbindung von Hörsystemen an moderne Kommunikationsmittel

Den Reigen der hochkarätigen Vorträge eröffnete Klemens Zimmermann von GN Resound. In seinem Vortrag „Vom Bakelit zu Skype – verschiedene Möglichkeiten der Anbindung an moderne Kommunikationsmittel“ zeigte er einen Überblick über die Möglichkeiten der Kommunikation von und mit modernen Hörsystemen. Wie man aus Zufriedenheitsstudien ablesen könne, wird das Telefonieren trotz aller Verbesserungen der letzten Jahre von den Trägern immer noch als schwierig bzw. unzufriedenstellend eingestuft. 

Mögliche Gründe sind unter anderem die fehlende Möglichkeit des Lippenablesens und die eingeengte Übertragungseigenschaft der Telefonlautsprecher von 500-3.500Hz. Ob die qualitative Verbesserung, die von Telefonnetzbetreibern durch die baldige Einführung von HD Voice angepriesen wird (es soll Telefonate deutlich störungsfreier übertragen) auch für Hörgeräteträger gilt ist vorerst sehr fraglich.

Vor allem bei VoIP (Voice over IP) werden Komprimierungsprotokolle verwendet, die für Hörgeräteträger nachteilig sein können. Als bereits bestehende und nutzbare Technologien empfahl Herr Zimmermann vor allem die Möglichkeiten mit einem eigenen Hörprogramm (akustisches Telefonprogramm), Bluetooth-Anwendungen und die neueste Möglichkeit „Made for iPhone“. Mit eindrucksvollen Tonbeispielen konnte er seine Ausführungen untermauern.

Telefonieren mit Hörsystemen

Beim Thema Telefonieren blieb auch gleich der nächste Vortragende. Dr. Steffen Kreikemeier von der Hochschule Aalen in Deutschland. In seinem Vortrag „Telefonieren mit Hörsystemen – eine neuartige Test-Hotline“ präsentierte er eine Telefon-Hotline, die in Zusammenarbeit mit dem Frauenhofer-Institut in Oldenburg entwickelt wurde.

Ausgangspunkt war auch hier, dass Telefonieren aus den verschiedensten Gründen eine große Herausforderung für HG-Träger ist und im Akustikbetrieb auch nur sehr schwer mit dem Kunden trainiert werden kann. Mithilfe der entwickelten Hotline können Kunden teilnehmender Akustikbetriebe in Deutschland von zu Hause über eine normale Festnetz-Telefonverbindung die Hotline anwählen und aus 3 verschiedenen Sprachangeboten und ein Musikbeispiel wählen. 70% der teilnehmenden Personen gaben an, dass die Telefon-Hotline nützlich für sie war. Grundsätzlich ist eine Teilnahme auch für Österreich und hier angesiedelte Betriebe möglich und vorstellbar. Da es sich um MP3-Files handelt kann man sehr leicht regionale Dialekte und Sprachbeispiele realisieren.

Schädigung der inneren und äußeren Haarzellen

Nach der wohlverdienten Vormittagspause referierte Dr. Anette Limberg, ebenfalls von der Hochschule Aalen in ihrem Vortrag: „Wie viele Höhen braucht der Mensch“ über die Ursachen für eine Schädigung der inneren und äußeren Haarzellen im cortischen Organ. Die sogenannten „Tuning-Kurven“ sind Bewegungsmuster der Basalmenbran bei Reizung mit einem Sinuston. Bei normaler Funktion ist diese Kurve sehr scharf. Bei Verlust der aktiven Anteile wird sie breiter und der Apex verschiebt sich ein wenig in Richtung tiefere Frequenz.

Anhand der Tuning-Kurve kann auch die typische Auswirkung des Rekruitments abgelesen werden. Liegt nun eine Dead Region vor, so kann der Apex der Kurve nicht mehr erreicht werden, sondern nur mehr der (abfallende) Bereich zu den tieferen Frequenzen hin. Der Proband hört den Ton nicht mehr sauber, sondern eher als Rauschen.

Ein guter Test zum Auffinden einer Dead-Region ist der TEN-Test, der ähnlich funktioniert wie der bekannte Langenbeck-Test. Bei einer Deprivation bieten Hörgerätehersteller drei verschieden Arten zur Frequenzverschiebung an. Bei der linearen Frequenzverschiebung werden alle Frequenzen, die oberhalb des nicht mehr hörbaren Bereiches liegen linear in Richtung des noch hörbaren Bereiches verschoben. Bei der nichtlinaren Frequenzkompression werden hohe Frequenzen komprimiert, um sie in den noch hörbaren Bereich zu bekommen.

Bei der Frequenzübersetzung als dritte Möglichkeit werden hohe Frequenzanteile herausgenommen und „zwischen“ tiefere Anteile gelegt. Wichtig ist, dass für den Kunden im Klang ein klanglicher Unterschied z.B. zwischen „s“ und “sch“ gewahrt bleiben muss. Als Fazit konnten die Zuhörer mitnehmen, dass Patienten mit einer Deprivation (im unterschied zu Dead-Region-Patienten) von Verstärkung sehr wohl profitieren. Jedenfalls scheint es sich zu lohnen, vor der Hörsystemversorgung den Typ der Schwerhörigkeit genauer zu klassifizieren.

Gefilterte Musik gegen Tinnitus

Im Anschluss an diesen spannenden Vortrag berichtete Ing. Adrian Nötzel von der Firma Sonomed in Hamburg über „Tinnitracks – mit gefilterter Musik gegen Tinnitus“. Der Ansatzpunkt dieser neuartigen Tinnitus-Therapie liegt darin, dass der Betroffene mithilfe seiner eigenen Lieblingsmusik an der Verbesserung arbeiten kann. Aus dieser Musik wird eine Oktave rund um das Frequenzzentrums seines Tinnitus sehr scharf herausgeschnitten. Als Partner konnte die Firma Sennheiser gewonnen werden. Der Anwender wählt in einem Internet-Portal seine Lieblingsmusik aus und kann sie als MP3 File downloaden.

Durch das regelmäßige Hören der gefilterten Musik (empfohlen sind 1-2 Stunden täglich, mindestens sechs Monate) kommt es zur Reorganisation der Nervenzellen in der Hörrinde. Medizinische Grundlage ist das Prinzip der lateralen Hemmung, wodurch stimulierte (gesunde) Nervenzellen benachbarte geschädigte hemmen. „Die erlebten Symptomstärken Tinnitus-Lautheit, psychische Belastung, Handicap und die gemessene Überaktivität der Hörrinden konnte in der Versuchsgruppe statistisch hochsignifikant um durchschnittlich 25% gesenkt werden“, bestätigte Nötzel.

Von der wie immer hervorragenden Küche konnten sich die Teilnehmer in der anschließenden Mittagspause überzeugen. Diese bot auch Gelegenheit miteinander ins Gespräch zu kommen.

Überlegungen zur richtigen Messtechnik

VHÖ Herbstseminar 2014

Der nächste Vortragende, Matthias Parr von der Firma Acusticon hatte trotz des undankbaren Termins im Anschluss an die Pause keine Mühe, das Publikum mit seinen praktischen Beispielen zum Thema „Messen mit Maß“ zu fesseln.

Ausgehend von einem angenommenen Audiogramm mit Hochtonsteilabfall verdeutlichte er die Notwendigkeit, die Signale wirklich über die Wahrnehmungsschwelle zu heben, und damit dem Kunden ein Hören überhaupt erst zu ermöglichen. Auch die richtige Abstimmung zwischen Kniepunkt und Kompression ist für solche Kunden sehr wichtig. Sein Plädoyer galt auch externen Hörer-Systemen, weil dadurch die Impedanzsprünge geringer werden. Herr Parr gab er zu bedenken, dass bei einer offenen Versorgung man messtechnisch nachweisen kann, dass eine zugeschaltete Störschallunterdrückung unterhalb von 1,0 kHz gar nicht arbeiten kann. Auch die Richtcharakteristik geht bei offenen Versorgungen zu 80% verloren.

Ursachen von Hörschwellenabsenkungen

Im nächsten Vortrag referierte Dr. Alexander Gotschuli über „mögliche Ursachen der Hörschwellenabsenkung“. In seinem Vortrag stellte er die Notwendigkeit fachärztlicher Abklärungen bzw. die Einbeziehung von HNO-Ärzten in den Anpassprozess klar. Anhand von sieben Fällen aus seinem – von ihm so benannten- „Zitronenordner“ – präsentierte er der verblüfften Zuhörerschaft teils haarsträubende Fehlleistungen von Akustikerkollegen bei der Anpassung von Hörsystemen unter Umgehung eines Facharztes. In zwei Fällen haben aber auch Arztkollegen vermutlich durch Zeitdruck Diagnosen übersehen. Dr. Gotschuli machte aber auch kein Hehl daraus, dass nicht jeder Facharzt diese Fülle an Untersuchungen und Diagnostiken einsetzen kann wie er. Den Hörgeräteakustikern eindeutig wohlwollend gegenüberstehend zeigte er auch auf, dass relativ eindeutig aussehende Audiogramme oft schwerwiegende Diagnosen verdecken können.

Zum Thema  Induktionsschleife

Zum Abschluss dieses interessanten Tages referierte Robert Schneeberger, den meisten besser als Robert Fischer bekannt, in Vertretung von Georg Schwaighofer vom VOX-Verband über die gute alte Induktionsschleife.

„Kommunikation über IndukTionsschleife: aktueller denn je!?“

Ganz bewusst wird das „T“ in der Mitte groß geschrieben. Die IndukTion ist leider ein Stiefkind geblieben, obwohl sie vielen Kunden sehr helfen würde. Selbst wenn man als Akustiker das Thema ernst nimmt und Kunden darauf anspricht wird die Schleife selten verwendet. Obwohl man damit eine Verbesserung des Signal-Rausch-Abstandes und eine Verbesserung der Einflüsse der Raumakustik erzielen kann. 

Zwar kann man solche Verbesserungen auch mithilfe anderer Techniken wie z.B. Bluetooth erreichen, die „T“ –Spule ist aber eine jahrzehntelang erprobte und ausgereifte, einfache Technik. In vielen öffentlichen Gebäuden und Kirchen würden Ringleitungen angeboten, immer öfter auch an Fahrkarten- und Bankschaltern. Wenn man dort den normalen „Diskretionsabstand“ einhält, ist auch ein mithören nicht möglich.

Blick nach vorne

Zum Abschluss lud VHÖ Präsident Ing. Edelhauser noch zur Frühjahrstagung am 24. und 25. April nach Salzburg, sowie zu 2 Workshops zum Thema Otoplastik und Verkaufstraining, deren Termine noch bekannt gegeben werden. Damit ging ein spannender Vortragstag zu Ende, der richtig Lust auf Weiterbildung machte.

Michael Riebl, MSc

Autor dieses Artikels:
Michael Riebl, MSc
Diplomierter Hörgeräteakustiker
Optometrist, Master of Science (Klinsche Optometrie/Clinical Optometry)
Email: riebl@akustiker.at

Fotos: Carmen Freihaut