Hörgeräteversorgung in den USA

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Ein Blick über den eigenen Tellerrand gewährt wertvolle Einblicke in mögliche, zukünftige Entwicklungen einer Branche. Wie funktioniert der Markt der Hörakustik zum Beispiel in den USA, fragte sich Akustiker Online! Redakteur Carsten Passiel gegen Ende des letzten Jahres und suchte nach einem Blick hinter die dortigen Kulissen. 

Schnell war mit Hilfe von Unitron Geschäftsführer Jochen Meuser ein Kontakt zu einem der führenden Audiologen New York’s hergestellt, ein Flugticket besorgt und ein Interview für die österreichische Hörakustikplattform www.akustiker.at vorbereitet.

Dr. Servedio

Dr. Dominik Servedio mit Akustiker Online! Redakteur Carsten Passiel.

Zu Besuch bei Advanced Audiology in New York

Bereits beim Entrée der Advanced Audiology direkt am noblen Central Park, staunt man wie die Versorgung mit Hörsystemen ablaufen kann. Kein Gassenlokal – man wird im 5. Stock in der 57. Street in einer ähnlichen Stimmung wie im Wohnzimmer oder einer Arztpraxis empfangen. Inhaber und Audiologist Dr. Dominik Servedio arbeitet – oder sagen wir residiert – dort zusammen mit seiner Kollegin Dr. Barbara Grossman.

Die Ausbildung macht wie so oft den Unterschied

Wie der Titel der beiden schon verrät, haben beide ein universitäres Studium abgeschlossen – nämlich Audiologie. Dies ist in den USA in jedem Bundesstaat möglich. Das Studium der Audiologie dauert 4 Jahre und bedarf außer der Studienberechtigung keinerlei Vorbildung. Nach 4 Jahren wird das Studium mit einem Bakkalaureat und Masterdiplom abgeschlossen. Ein optional nachfolgendes Doktorat dauert weitere 4 Jahre.

Audiologe, Hörgeräteakustiker und Hals-Nasen-Ohren-Arzt

Der amerikanische Hörakustiker wird deutlich rudimentärer gegenüber den Hörakustikern im deutschsprachigem Europa ausgebildet. Neben einer einem Schulbesuch sind nur relativ kurze Praktika vorgesehen. Mit dem Berufsabschluss darf der USA-Akustiker auch nur die Hörgeräte abgeben, beziehungsweise so einstellen wie es der Audiologe verordnet. Er setzt konkret nur das um, was ihm der Audiologe vorgibt. 

Der Hals-Nasen-Ohren-Arzt übernimmt in den USA die Position des Chirurgen und ist für die Verschreibung von Medikamenten zuständig. Diese Tätigkeiten sind ihm alleine vorbehalten. Die Verordnung von Hörsystemen erfolgt wiederum ausschließlich durch den Audiologen. Die Zusammenarbeit mit den Ärzten läuft deshalb auch reibungslos.

Strukturelle Dreiteilung des Berufsbildes

Der Inhalt des Audiologie-Studiums umfasst neben Audiometrie, Anatomie, Pathologie, Physiologie und Hörgeräteanpassung auch sehr intensiv die Gebiete Pädakustik, Hörtraining, Hörübungen, Tinnitusberatung, Tinnitusversorgung und Untersuchungsmethoden zur Schwindel- und Nystagmusdiagnose.

Die Aufgabentrennung dreigeteilt. Der Arzt ist für den medizinischen Teilbereich, der Audiologe für den rehabilitativen Teilbereich und der Hörakustiker für die Umsetzung der vorgeschriebenen Einstellungen zuständig. 

Alles privat – aber nur mit Speech Mapping

Die Kosten der Hörgeräteversorgung sind privat zu tragen – selbst bei einer Kinderversorgung. Die US-amerikanische Krankenversicherung beteiligt sich bei der Hörgeräteversorgung prinzipiell nicht.

Der Ablauf der Hörgeräteversorgung ähnelt jenem in Österreich. Es wird eine ton- und sprachaudiometrische Messung durchgeführt, anhand der die Beratung erfolgt. Der US-amerikanische Sprachtest gleicht im Ablauf und in der Zusammensetzung dem Freiburger Sprachtest.

Bei Advanced Audiology hat man den Zeitraum für das Probetragen der Hörsysteme auf 45 Tagen zeitlich begrenzt. „Dieser Zeitraum ist absolut ausreichend und hat sich bewährt“, so Dr. Servedio. Das Einstellen und Programmieren erfolgt übrigens ausschließlich mittels “Speach–Mapping”. „Die Erstakzeptanz der Einstellungen ist mittels dem Speach–Mapping unübertroffen“, betont Dr. Servedio.

Dabei kann man bildlich darstellen, wie ein Hörsystem Sprache oder Geräusche verarbeitet. Anhand der Darstellung können den Klienten auch technische Features des Hörsystems – wie Rauschunterdrückung oder Direktionalität – dargestellt werden.

Auch die Perzentilanalyse ist in den USA zumeist Standard und unterstützt die Audiologen bei der Konfiguration der Hörsystems hinsichtlich lauter und leiser Teilbereiche von Sprache.

Bei jeder Audiometrie wird vollkommen selbstverständlich auch eine Tympanometrie durchgeführt. Klagt der Klient über Schwindel wird zudem auch eine Gleichgewichtsprüfung absolviert.

Hörsysteme? Nichts Neues im Westen!

Die in den USA angebotenen Hörsysteme bieten keine Überraschungen. Vielmehr schon das eklatant Hdo lastige Gefüge. Neun von zehn Hörversorgungen sind HdO, RIC oder Slimtube-Systeme. Der IdO ist mit 10% verschwindend gering. Ähnlich wie zum österreichischen Markt werden keine analogen Hörsysteme mehr verkauft. Das Zubehörprogramm wie TV-Lösungen, Gehörschutz, FM-Anlagen und Lichtsignalanlagen wird wahrscheinlich wesentlich konsequenter als in unseren Breiten angeboten.

Fazit

Eine Dreiteilung des „Ohren-Berufes“ (ähnlich wie dem amerikanischen Ophthalmologen / Optometristen / Optiker) ist in den USA State of the Art. Inwieweit eine solche Entwicklung in Europa zu erwarten ist, kann derzeit nicht abgeschätzt werden.

Ein wesentlicher Aspekt in den Unterschieden zu Europa ist die Gewichtung des Speach–Mappings und der Perzentilanalyse, welche beide in den USA Standard bei der Hörsystemanpassung sind. Hier wäre es zielführend, wenn die Branche eine Veränderung der standartisierten Anpassverfahren ins Ohr – pardon – ins Auge fassen würde. 

Wir bedanken uns bei Dr. Dominik Servedio (GF Advanced Audiology), Don Rice (Regional Vice President Unitron Hearing US), Jan Feldeisen (Director Business Development International/ Leiter Vertrieb Unitron Hearing) und Jochen Meuser (GF Unitron Hearing) für die Unterstützung.