Arbeitsgedächtnis und Spracherkennung in den ersten sechs Monaten des Hörgerätetragens

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In einer skandinavischen Studie wurde die wechselnde Beziehung zwischen gestützter Spracherkennung und der kognitiven Funktion in den ersten 6 Monaten der Hörgerätenutzung untersucht. Für die Studie wurden 27 Probanden, welche erstmalig mit Hörgeräten versorgt wurden und einen symmetrischen, leichten bis mittelschweren sensorineuralen Hörverlust aufwiesen rekrutiert. 

Im Rahmen der Arbeit wurden die Spracherkennungsschwellen in geräuschvoller Umgebung sowohl vor der Hörgeräteanpassung, als auch nach drei und sechs Monaten gemessen. 

Kognitive Fähigkeiten wurden mit Hilfe eines Lesedauertest – dem sogannenten reading span test – untersucht. Dieser wurde für das Maß der Arbeitsgedächtniskapazität herangezogen. Auch wurde eine Reihe an kognitiven Tests durchgeführt.

Beim reading span test werden zugleich Leseverständnis und Arbeitsgedächtnis getestet. Dieser Test schafft ein Abbild von Arbeitsgedächtnis, Leseverständnis und kognitiver Verarbeitung. Dazu liest oder hört der Proband eine Reihe von zwei bis sechs Sätze – unter Hinweis darauf, danach jeweils das letzte Wort der Sequenz in der richtigen Reihenfolge der Sequenzen zu nennen. Die Anzahl der richtig genannten Wörter wird reading span genannt.

Das Studienergebnis zeigte eine signifikante Korrelation zwischen dem reading span test (Lesedauertest)  und der Sprachverständlichkeitsschwelle während der Hörgeräteanpassung

Der Zusammenhang zwischen dem reading span test und der Sprachverständlichkeitsschwelle wurde in den ersten sechs Monaten des Hörgerätetragens geringer. Herangezogen wurden sogenannte Regressionsanalysen. Dies sind statistische Analyseverfahren, die das Ziel haben, Beziehungen zwischen einer abhängigen und einer oder mehreren unabhängigen Variablen aufzuzeigen. Das Verfahren wird herangezogen, wenn man bestimmte Zusammenhänge quantitative beschreiben oder den Wert einer abhängigen Variable prognostizieren möchte.

Eine mehrfache Regressionsanalyse zeigte in der vorliegenden Studie, dass der reading span der Hauptindikator für die Sprachverständlichkeitsschwelle bei der Hörgeräteversorgung in Störlärm darstellt. Sechs Monate nach Erstversorgung mit Hörsystemen war laut den Autoren allerdings die mit Tönen gemessene Hörschwelle der wichtigste Indikator für die Sprachverständlichkeitsschwelle.

Eine wahrscheinliche Möglichkeit für die Erklärung dieser Erkenntnisse ist, dass die Arbeitsgedächtniskapazität in den ersten sechs Monaten des Hörgerätetragens eine höhere Rolle bei der Spracherkennung im Störgeräusch spielt als danach. Die Autoren stellen die Vermutung an, dass beim erstmaligen Tragen von Hörgeräten eine hohe Kapazität des Arbeitsgedächtnisses benötigt wird, damit unbekannte Sprachsignale erkannt werden können. Ursächlich dafür könnte sein, dass die phonologische Form dieser Signale nicht automatisch auf phonologische Repräsentationen im Langzeitgedächtnis angepasst werden kann. Mit zunehmender Gewöhnung an das Hörsystem relativiert sich dieser störende Effekt und der massive Zugriff auf das Arbeitsgedächtnis sinkt.

Erkenntnis für die Praxis

Wenn der Hörakustiker einarbeitungsfortschreitent arbeitet, können mögliche Fehlanpassungseffekte gemildert und überfordernde Zugriffe auf die Arbeitsgedächtniskapazität in Grenzen gehalten werden. Zudem ist die Studie ein weiterer Hinweis darauf, dass die erstmalige Eingewöhnung an ein Hörsystem bis zu einem halben Jahr dauern kann. Diese Erkenntnis sollte in Beratungsgesprächen vor Anpassung von Hörsystemen sinnvollerweise einfließen.

Quelle: Dynamic Relation Between Working Memory Capacity and Speech Recognition in Noise During the First 6 Months of Hearing Aid Use, Elaine H. N., Elisabet Classon, Birgitta Larsby, Stig Arlinger, Thomas Lunner, Mary Rudner, Jerker Rönnberg;

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